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Eine Bilanz nach Atomaustieg, Laufzeitverlängerung, erneutem Atomausstieg und dem Versuch Atomstrom über den Strompreis wieder gesellschaftsfähig zu machen. Ein Bericht von Ralf Stegmaier.

Wie geht es weiter, war die Frage 1986, im letzten Studienjahr in Ulm, als es in Tschernobyl am 26. April zur Atomkatastrophe kam und zum Leidwesen der Deutschen Ostwind herrschte. Wiesen und Bäume blühten wie zum Trotz, es wurde aber geraten nicht in die Wiesen zu gehen. Die Zukunft war ungewiss. An der Fachhochschule Ulm gab es einen Forschungsreaktor und die Möglichkeit die Fachkunde zur Tätigkeit als Strahlenschutzbeauftragter zu erwerben. Auch mit der zuvor im Februar erlangten Fachkunde war die Einschätzung wie in der restlichen Bevölkerung, dass die Anlagen im russischen Tschernobyl auf keinen Fall mit Deutschland als Technologieland vergleichbar sind. Insofern waren aus damaliger Sicht Proteste mit „ATOMKRAFT? NEIN DANKE“ übertrieben.

Relevante Erfahrungen aus der Automobilindustrie

Bei der Analyse von Verfügbarkeiten bei Transferstraßen und fest verketteten Produktionsmaschinen für die Geschäftsleitung war sofort klar, warum es zu der oft kritisierten niedrigen Verfügbarkeit bei diesen Konstellationen kommt. Es erging der Hinweis, dass sich bei einer Verkettung von 10 Maschinen mit jeweils 95 % technischer Verfügbarkeit durch Potenzierung die Verfügbarkeit des Systems auf 60 % reduziert. Allgemein kann gesagt werden, dass komplexer werdende Systeme schwerer zu beherrschen sind.

Bei der Qualitäts- und Risikobeurteilung mit der Methode FMEA werden die Auswirkungen sowie die Wahrscheinlichkeiten des Auftretens und Entdeckens von Fehlern bewertet und miteinander multipliziert. Dabei gibt es bei der Schwere eines Fehlers eine Schwelle, die allein dazu führt, dass eine Planung nicht zum Einsatz kommt, auch wenn die Wahrscheinlichkeit, dass der Fehler eintritt, gering ist.

Das nicht ausschaltbare Risiko einer Kernschmelze – Aufruf an Kanzlerin Merkel

Im Laufe der Zeit ergab sich die Erkenntnis, dass auch bei uns eine Kernschmelze nicht sicher ausgeschlossen werden kann. Die einzige Möglichkeit sind andere Bauformen von Atomreaktoren, bei denen es bauartbedingt auch im Fehlerfall nicht möglich ist eine Kernschmelze zu erzeugen.

Atomunfälle ignorieren politische Grenzen, weshalb der Blickpunkt über Deutschland hinaus gehen muss. Da der Wind hauptsächlich aus dem Westen kommt, gilt den Atomkraftwerken in Frankreich an der deutschen Grenze besondere Aufmerksamkeit.

Unter der großen Koalition war in Deutschland noch 2009 die Atomkraft ein Auslaufmodell. Da es gleichzeitig unvorstellbar war, dass Frankreich auf Atomkraft verzichtet, wurde auf europäischer Ebene die einzige pragmatische Chance im Bau von eigensicheren Kernkraftwerken gesehen. Bereits im Februar und April 2009 wurde die Bundeskanzlerin gebeten aktiv darauf hinzuwirken und selbst eine Europäische Atomkraftkonferenz einzuberufen.

Fukushima und der menschliche Teil des Problems

Die verheerende Atomkatastrophe am 11. März 2011 hat nicht nur gezeigt, dass es ein Irrglaube war, in einem Hochtechnologieland könne es zu keiner Verstrahlung wie in Tschernobyl kommen, sondern hat auch menschliche Schwächen offenbart. Neben Schlamperei, Vertuschung von Fehlern oder übersteigertem Karrieredenken hat in Japan die Korruption eine große Rolle gespielt. Viele Mitglieder im Parlament wurden von Tepco bezahlt. Auch hier könnte man denken, dass in Deutschland alles besser ist. Fakt ist, dass alle Länder in Europa, mit Ausnahme von Deutschland und Tschechien, die UN-Konvention gegen Korruption (UNCAC) ratifiziert haben. Die Mehrheit im deutschen Bundestag verweigert sich aber, weil man nicht möchte, dass Abgeordnete für Korruption bestraft werden können.

Ein menschliches Problem gab es auch bei uns beim AKW Philippsburg. Als EnBW-Chef Villis ein Jahr nach Fukushima sich gegenüber heute.de äußerte, kritisierte ich dies am 12.03.2012 öffentlich und beschwerte mich noch am gleichen Abend bei der grün-roten Landesregierung. Die Kritik ist unter http://www.photovoltaik-guide.de/leserbrief-enbw-chef-villis-und-der-fukushima-jahrestag-25102 nachzulesen.

Bereits am 15. März 2012 hörte der Autor im Autoradio (vgl. auch BILD-Bericht), dass die Landesregierung eine nachträgliche Hochstufung der Störfälle veranlasst hat und die Verantwortlichen für den Folgetag ins Ministerium einbestellt.

Die Atomlobby gab nach Fukushima und dem erneuten Atomausstieg nicht auf

Am 25.01.2012 stand in der Europa-Solar-Information: „Die Energiekonzerne sichern sich damit in erster Linie ihre künftigen Einnahmen und spielen gleichzeitig den Akteuren im deutschen Bundestag in die Hand, die am liebsten PV abschaffen und ein Atomstromfördergesetz initiieren würden.“

13.04.2012 EU-Kommissar Oettinger als Initiator einer Atomstromförderung?

Grund war die Meldung, dass die Länder Großbritannien, Frankreich, Polen und Tschechien nach Brüssel geschrieben hätten, damit die Erzeugung von Atomstrom ähnlich wie die erneuerbaren Energien gefördert wird. Da der nach Brüssel exportierte Oettinger zum Netzwerk der Atomfreunde gehört, liegt nahe, dass er dazu ermuntert hat oder sogar der Initiator war.

Seither geht es munter weiter, mal direkt oder in der Person des Minister Altmaier subtil. Stets wollen edle Menschen die Bürger mit Horrorszenarien vor Strompreiserhöhungen schützen und bringen zum Teil auch wieder billigen Atomstrom in die Diskussion ein und verschweigen sowohl die Risiken als auch die Milliarden an Kosten, die nicht auf der Stromrechnung erscheinen, weil der Steuerzahler in Anspruch genommen wird. Umweltminister Altmaier möchte sogar zum Wohle der Bürger den grundgesetzlichen Vertrauensschutz außer Kraft setzen und nannte als Kosten für die Energiewende eine Billion Euro.

Oettingers Stresstest für Atomkraftwerke und die technische Realität

Im März 2012 machte EU-Energie-Kommissar Oettinger den deutschen Bürgern klar, dass diese durch einen neuen Stresstest für Atomkraftwerke beruhigt sein können. Die vor Fukushima sicher geglaubten Atomkraftwerke werden durch den von Oettinger beschriebenen europäischen Stresstest unbestreitbar sicherer. Sicher sind sie aber dennoch nicht!

In der Technik gibt es Konzepte, damit bei einer Störung ein sicherer Zustand eintritt - bei üblichen Atomkraftwerken ist dies technisch aber unmöglich. Nach einer Abschaltung muss lange nachgekühlt werden, sonst entsteht eine Kernschmelze. Zur Verhinderung setzt man auf redundante Systeme, die unabhängig voneinander die Sicherheit gewährleisten sollen. Bei Autos gibt es seit Jahrzehnten ein Zweikreisbremssystem. Wenn jedoch der Fahrer, als ein Glied in der Kette, ausfällt, nützt dies nichts. Ein Atomkraftwerk und sein Kühlkreislauf besteht aus mehreren Gliedern (Strom, funktionsfähige Pumpe, dichter Kreislauf usw.). Wenn nur ein Glied ausfällt, ist die Kühlfunktion nicht mehr gegeben.

Oettinger wurde durch Beförderung zum Energie-Experten und führt an, dass nun die AKWs statt Erdbeben der Stärke 3 die Stärke 5 aushalten müssen. Durch unerwartete Ereignisse, wie das für Experten völlig überraschende Erdbeben der Stärke 9 in Japan, kann es jedoch passieren, dass keiner der mehrfach vorhandenen Kühlkreisläufe mehr funktioniert und eine Kernschmelze eintritt.

Untersuchungen haben gezeigt, dass in Deutschland viele Kernkraftwerke nicht ausreichend gegen Erdbeben oder Überflutungen geschützt sind. Greenpeace Aachen hat viele historische Unfälle dokumentiert, bei denen wir in Deutschland und Europa nur durch Glück vor einem Fukushima bewahrt wurden. Beispiele sind:

  • Ausfall von 5 Stromsystemen in Biblis B im Februar 2004, wobei dann – im Gegensatz zu früher – als letzte Rettung die Notstromdiesel auch angesprungen sind.
  • In Brunsbüttel wurde nach 25 Jahren entdeckt, dass die Notstromversorgung falsch verkabelt wurde.
  • Philippsburg wurde 2001 aus Geldgier wissentlich tagelang ohne ein funktionierendes Not-Kühlsystem betrieben.
  • In Forsmark, Schweden hatte die Menschheit 2006 großes Glück, denn die 1992 eingebauten Wechselrichter für Notfälle waren falsch verdrahtet und aus einem Störfall wurde fast ein zweites Tschernobyl.

Wenn man beispielsweise Atomkraftwerke mit der oben erwähnten, bewährten Methode FMEA bewertet, kommt man (durch die extremen Auswirkungen von Katastrophen in Verbindung mit der Tatsache, dass das Risiko eben nicht Null ist) zum Ergebnis, dass ein Betrieb von Atomkraftwerken, bei denen einen Kernschmelze technisch möglich ist, allein deshalb unverantwortlich ist!

Ein zerstörter Reaktor in Gundremmingen reicht!

Am 14. Juli 2012 wurde in der Südwest Presse über die Wartungsarbeiten im Block C des AKW Gundremmingen berichtet. Die Information des Betreibers „Ungefähr 3.500 einzelne Arbeitsaufträge müssten ausgeführt werden, außer den eigenen Mitarbeitern seien mehr als 1.000 Beschäftigte von beauftragten Firmen im Kraftwerk tätig.“ sollte zeigen, welche großartigen Leistungen meine Ingenieurskollegen in Gundremmingen mit den Teams erbringen. Diese Leistung soll in keinster Weise geschmälert werden. Allerdings zeigen genau diese Daten die Komplexität und das damit einhergehende Risiko für ein Versagen.

Vor Fukushima war Tschernobyl nach 25 Jahren fast vergessen. Nur die Pilze waren noch immer verseucht und in Oberschwaben wurde nach wie vor radioaktiv verseuchtes Wild als Sondermüll entsorgt.

Vergessen waren auch die bisherigen direkten Toten am Kernkraftswerkstandort Gundremmingen bei einem Unfall 1975 und die Folgen der erhöhten Strahlenbelastung.

Vergessen war, dass in Gundremmingen 1977 Block A völlig zerstört wurde, weil im Überlandleitungsnetz ein Kurzschluss auftrat und die deshalb im Atomkraftwerk notwendige Schnellabschaltung nicht funktionierte (Komplexität!).

Gundremmingen A erhielt trotz großen Sicherheitsbedenken aus politischen Gründen in den 60er Jahren eine Baugenehmigung. Durch Fukushima hatte für die Bürger in Baden-Württemberg bei der Landtagswahl ein besserer Schutz vor einer unverstrahlten Zukunft Priorität vor einem wirtschaftlichen Optimum durch eine Fortsetzung mit der seit Jahrzehnten herrschenden Landesregierung.

Für die Schwaben in Bayern und im Ländle im Umkreis von Gundremmingen und alle anderen Bewohner von Deutschland sollte ein zerstörter Reaktor in Gundremmingen genug sein!

Ralf Stegmaier, Laupheim

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